Die Nada Kroniken, Teil 3


Übersetzung: Ashtar-Linara

Fünf Möwen


Meditieren für die Erde

Von Hans Brockhuis



Ich sitze auf einer Bank am Boulevard einer grossen Stadt und geniesse eine grossartige Zeit. Ich schaue über eine ausgedehnte trichterförmige Flussmündung, und für eine ganze Weile geniesse ich das Licht, Luft und Wasser während meiner Freizeit. Es ist ein unglaubliches Schauspiel. Da ist die Veränderung der vielen Farben von Grün und Blau, Rot und Braun, Grau und Weiss und alle Zwischentönen.

Provozierend langsam wechseln sich die Gezeiten ab. Ich beobachte, wie die grossen Handelsschiffe vorbeifahren und die Lotsenschiffe sorgfältig hin und her manövrieren. Ich kann einfach nicht genug davon bekommen!

Knapp zwei Meter vor mir landet eine grosse Seemöwe auf der Balustrade. Nach einer Weile wird klar, dass das Tier auf einen netten Snack wartet, den ich möglicherweise habe. Ein wenig nervös läuft sie hin und her, ab und zu ihre wachsamen Augen auf mich richtend.

Ich erhebe mich und nähere mich ihr ein paar Schritte. Vorsichtig strecke ich meine Hand aus in ihre Richtung. Als die Möwe sieht, dass das, was sie erwartet, nicht in meiner Hand ist, stösst sie einen Schrei aus und bewegt sich ein wenig aufgeregt ungefähr einen Meter aus meiner Reichweite. Sie macht es klar, dass sie nicht erfreut ist und schaut verärgert in meine Richtung.

Ich zucke mit den Achseln, setze mich wieder und fahre fort mit dem, was ich tat. In die Ferne starren und beobachten. Es ist angenehm, weil auch das Wetter angenehm ist, und langsam vergesse ich die Zeit. Mehr und mehr komme ich in einen Zustand der inneren Reflektion, was die Blase des Bewusstseins, die ich langsam ausdehne, verursacht. Während ich die Blase ausdehne, wird die Seemöwe ein Teil dieses expansiven Energieballes.

„Einen guten Morgen Dir“, sagt die Möwe noch ein wenig ärgerlich zu mir. Ich schrecke auf. So etwas habe ich nicht erwartet!

„Guten Morgen Möwe“, antworte ich. „Ich wollte Dir nicht weh tun. Ich wollte nur mit Dir in Kontakt kommen, aber es ist mir jetzt klar, dass ich es nicht auf die richtige Art und Weise gemacht habe.“

„Richtig geredet, mein Freund. Ziemlich unhöflich. Ihr Menschen habt eine Menge zu lernen. Ich bemerke das dieses Mal und wieder.“

„Ich stimme Dir zu“, antworte ich der Möwe, welche zwischenzeitlich näher kam. „Gib uns ein wenig Zeit, und wir werden alle lernen.“

„Hm“, nörgelt die Möwe, das Thema wechselnd. „Nette Aussicht hier, nicht wahr? Wenn Du von hier aus die Flussmündung beobachtest, sieht es ähnlich aus wie wir Vögel es von oben her wahrnehmen. Diese besondere Perspektive ist ziemlich aussergewöhnlich für Euch Landratten, kann ich mir denken.“

Es ist offensichtlich, dass sich die Laune des Tieres bessert, und so sage ich hoffnungsvoll: „Ich verstehe. Das ist interessant. Ja, wir brauchen grosse Maschinen, um das alles von oben sehen zu können, und ihr macht das von allein.“ Ich versuche, den Vogel zu belustigen. „Es zeigt, dass Eure Art auf vielerlei Weise besser ist als unsere.“

„Warte eine Minute“, sagt die Möwe, immer noch hin und her trottend, aber offensichtlich erfreut. „So ganz stimmt das nicht. Nichts und niemand ist besser als etwas oder jemand. Wir machen alles auf unsere Weise. Wir sind alle einzigartig, und wir haben alle unsere guten Seiten. Ihr könnt besser als wir laufen, und jedes Wesen tut sein bestes, auf seine Weise das Paradies auf Erden zu erschaffen.“

„Paradies, hm.“ Ich bin sprachlos, weil ich nicht weiss, was ich darauf antworten soll. Aber die Möwe spricht weiter.

„Übrigens – Du kennst mich; ich werde Nada genannt, und ich lade Dich ein, mich auf eine Reise zu begleiten. Es gibt da etwas, was ich Dir sehr gerne zeigen möchte.“

Augenblicklich bin ich aufmerksam. „Nada, natürlich! Eine Reise, wohin, was, wie wann?“ Mein Verstand ist im Chaos versunken, und wiederum fällt mir nichts mehr ein.

„Es gibt keinen Grund, in Panik zu geraten. Es ist alles sehr einfach. Du fliegst nur mit mir, und ich werde Dir etwas zeigen. Wir starten genau jetzt. Du wirst vor dem Abendessen zurück sein, das verspreche ich. Du brachtest mir nicht, aber ich wette, ich habe etwas für Dich.“

Im nächsten Moment bemerkte ich, dass ich auch auf der Balustrade war. Auge in Auge mit Nada, die mich freundlich und ermutigend anstiess. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass ich auch den Körper einer Möwe hatte. Ich bin genau so gross wie sie, und mein Herz klopft erwartungsvoll. Was werde ich sehen?

„Verweile nicht, Freund, breite Deine Flügel aus, und fort sind wir.“ Auf diese Weise beginnt eine wunderbare Reise, welche mich vieles lehren wird, und an die ich mich immer erinnern werde.

Zuerst überqueren wir die Flussmündung zur anderen Seite, und wir fliegen über Felder und Wiesen, über Ortschaften und Grossstädte. Wir sehen die Flüsse und Kanäle, die Strassen und die Wege, und langsam wird es immer klarer. Immer mehr kann ich erkennen, was unter mir geschieht. Ich sehe die Leute, die das Land bearbeiten; ich sehe, wie andere sich aufmachen, ihr tägliches Brot zu verdienen, und ich verstehe, wie einige andere zu beeindrucken versuchen. Das ist alles ziemlich verwirrend.

„Nun denn“, sagt Nada zu mir. „Auf den ersten Blick sieht es aus, als ob diese Leute sich ausschliesslich mit ihren ganz irdischen Angelegenheiten beschäftigen würden. Und doch, unter der Oberfläche gibt es für viele einen Anfang, ein Beginnen von Frieden. Es ist ein grosses Geschenk, wenn eine Schöpfung durch ihre inneren Kräfte befähigt wird, an die Einheit in allem, was eine Seele hat, zu glauben. Es ist das grösste Geschenk von allem, und wenn wir uns daran erinnern, wird es jedem möglich sein, diese Einheit zu entdecken und auf diese Weise zu lieben.“

Ich nicke. Ich habe das noch nicht von diesem Standpunkt aus reflektiert. Aber Nada hat noch mehr zu sagen. „Liebe ist ein Wort, das immer wieder zurückkommt, aber oft so schwer zu erreichen ist, auch und gerade für Menschen und andere Seelen auf dem Planeten Erde. Du lebst – durch Deine eigene Wahl, wofür wir endlos dankbar sind – in einem verschleierten Zustand, und dieser Zustand ermöglicht es Dir, den Wahlen, die Du triffst, so eine Qualität zu geben, dass Du auch daraus lernen kannst.“

„Es gibt kein Gut oder Böse. Nur wie Du das Gute oder Böse erfährst, gibt ihm seinen Wert. Und das wird zu vielen Menschen führen, die sich gegen jeden anderen wenden, während es für jeden einzelnen besser wäre, sich mit allen zu versöhnen. Dann werdet Ihr fähig sein, das zu leben, was wir einfach lebten, die Einheit in unserem Möwen-Aussehen. Da dieses Aussehen nicht unterschiedlich ist zu Gott/Göttin/Quelle, da jedes Wesen ein Teil Gottes/der Göttin/der Quelle ist, ist es möglich, die Liebe und Einheit der Dinge zu erfahren.“

Ja, ich sinne darüber nach, natürlich ist das wahr. Als zeitweise Möwe habe ich tief in Nadas Augen geblickt. Was ich dort sah, kleidete sie eben für mich in Worte. Es beeindruckt mich immer mehr. Aber wir fliegen immer weiter, und als das Land zu Ende ist, fliegen wir über einen nahezu endlosen Ozean.

Hin und wieder fliegen wir an einem Schiff vorbei, doch das geschieht immer seltener, und dann fliegen wir – scheinbar stundenlang – ohne jegliche Störung nur über sanftes Wasser. Plötzlich taucht ein schwarzer Punkt am Horizont auf, der, während wir auf ihn zufliegen, langsam immer grösser wird.

Als wir herannahen sehen wir, dass es eine kleine Insel ist, die wie ein Kegel aus den sanften Wellen aufsteigt. Am höchsten Punkt der Insel erhebt sich ein weisses tempelgleiches Gebäude, mit einer Mauer umgeben. Ich werde ängstlich, als ich sehe, dass das ganze Gebäude in Flammen steht. Die Mauer, der Garten und ein grosser Teil des Hauses, alles brennt. Nur der Eingang und davor ein Halbkreis sind frei vom sengenden Feuer. In der Türöffnung stehen ein Mann und sein Sohn vor ihrem brennenden Haus. Sie geben uns ein Zeichen.

„Wir müssen sie retten!“ schreie ich Nada an, die nickt. In der Zwischenzeit erscheinen drei weitere Möwen aus dem Nichts und schliessen sich uns an. Behutsam landen wir, bis wir sehr nahe an dem besorgten Paar im Eingang sind. Wir fliegen weiter um das Paar herum, um ihm unsere Hilfe anzubieten. Sie lehnen jedoch ruhig und entschieden ab, und so steigen wir wieder auf, um uns von der Hitze zu entfernen. Doch wir bleiben in der Nähe, so dass wir zu helfen in der Lage sind, wenn wir gerufen werden.

Wir steigen noch ein wenig weiter auf, um die Umgrenzungen und das Haus noch besser zu sehen. Nun scheint es, als ob das Haus auf dem höchsten Punkt einer Terrassenstadt gebaut wäre. Dennoch ist alles in diesem riesigen aber sehr stillen Ozean unter klarem blauen Wasser. Sichtbar sind nur die Konturen der Stadt, der Ozean und das brennende Haus.

Stück für Stück steigt das Wasser, und in einer letzten Anstrengung ergiesst sich das Wasser über die brennende Wand. Sofort sind alle Flammen erloschen.

Der Vater und der Sohn winken uns jetzt. Sie waren gerettet. Und sie wussten und glaubten daran, dass dies geschehen würde. Sogar in Angst und Tod würden sie sich dem Feuer ergeben. Sie hatten Glauben und die Zuversicht in die alles umfassende Liebe des blauen Meeres.

Enthusiastisch beglückwünsten wir den Vater und den Sohn zu ihrer Rettung. Die ganze Zeit beobachteten sie ruhig und friedvoll die Umgebung und uns. Offensichtlich war ihr Glauben endlos. Dann segnet der Vater uns. Wir sind berührt und setzen unsere Reise fort.

Die drei Seemöwen, die bei uns waren, sind Magda, Moira und Myriah. Das sind alte Bekannte, das ist sicher. Ich grüsse diese alten Seelen sehr liebevoll, und während wir weiterflogen, bewerteten wir die Geschehnisse auf der Insel im Feuer.

Nada spricht zuerst. „Wie Ihr gesehen habt, ist nichts so, wie es auf den ersten Blick aus einer unübersichtlichen Perspektive betrachtet, scheint. Alles wird klar, wenn man auf Distanz davon geht und aus der richtigen Perspektive sieht. Dies gilt für alles im Leben.“

„Das ist richtig“, erwidert Magda. „Aber ich möchte auch nachdrücklich betonen, dass ich es liebte, Vater und Sohn mit diesem endlosen Glauben im reinigenden Feuer und dem immer gegenwärtigen Wasser des blauen Ozeans zu sehen und was es ihnen bedeutet: Heilung in all ihren Facetten.“

Auch ich bringe mich ein: „Und dann war da die bedeutungsvolle Anwesenheit aller Elemente: Wasser: der Ozean, Feuer: der brennende Tempel, Erde: der halbkreisförmige Grund vor dem Haus, Luft, von der aus man alles übersehen kann, und Äther, durch den wir als potentielles Rettungsteam spüren konnten, was in den Gedanken des Vaters und des Sohnes vorging.“

„Ja, natürlich“, fügt Moira hinzu, „und ich habe noch etwas leichtes: 'die dunkelste Stunde ist vor dem Sonnenaufgang'.“

„Und doch“, fügt Myriah hinzu, „ist es wahrscheinlich möglich, von einem noch höheren Standpunkt aus zu beobachten. Ohne Zweifel bieten sich dort wieder neue Perspektiven an welche noch höher und fast unbegrenzt sind. Und überhaupt möchte ich noch herausstreichen, dass auch unsere Mutter Erde davon ein Teil ist. Die Insel und die See und die Luft sind schließlich Teil Ihrer Sanften Präsenz.“

„Und es zeigt wiederum“, sage ich zustimmend, „dass die Zahl der zu unterzeichnenden Beschlüsse dieser Erfahrung nahezu unendlich sind.“

Langsam wurde es klar, dass dies das letzte Wort war, weil niemand mehr weiter sprach, und unsere Reise wurde fortgesetzt. Wieder war Land in Sicht, und von Osten her wurde es langsam dunkel. Wir können sehen, wie die Sonne sich selbst in schönen Farben hinter dem Horizont verliert. Nun sehen wir die Lichter der Menschen, und grosse Teile dunklen Landes bewegen sich unter uns. Immer wieder verstehe ich, auf welch schönem Planeten ich privilegiert bin zu leben.

Aus den Höhen bin ich fähig, die Träume der Menschheit zu verstehen. Mehr und mehr werde ich von Ehrfurcht, Hochachtung und Respekt für diese prächtige Schöpfung erfüllt, die immer wieder der Reinigung bedarf, doch im Sein ist sie so sauber und rein. Jeder verliert so oft das Gleichgewicht, und wir alle müssen versuchen, es wieder zurück zu bekommen. Ich glaube daran, dass wir es eines Tages mit vereinter Kraft und manchmal mit etwas Hilfe der höheren Wesen schaffen. Dieser Gedanke macht mich sehr glücklich.

Ein Begleiter nach dem anderen verliess uns und bog ab zu seinem jeweiligen Zielort. Nach und nach kehre ich zur Erde zurück und finde mich in dieser Nicht-Zeit auf der Bank an der Flussmündung wieder.

Nada ist mir wieder sehr nahe auf der Balustrade. Dieses Mal habe ich eine Brotkruste in meiner Hand, die ich nahe bei ihr hinlege. Das war das Mahl, auf das sie gewartet hat. Sie pickte es auf, nickte, und breitete mit einem grossen Schlenker ihre Flügel aus. Nachdem sie einmal über meinem Kopf kreiste, flog sie in den zinnoberroten Sonnenuntergang davon.

Ich bin von ganzem Herzen dankbar.